Leseprobe: Der Schleuser

Die Videokamera lief.

 

Ich musterte die drei jungen Frauenleiber vor mir. Sie waren nackt. Ihre Handgelenke waren von dem Hanfseil, das sie miteinander verband, wundgescheuert. Kratzige Jutebeutel verdeckten ihre jämmerlichen, verheulten Gesichter und das klägliche Wimmern der vermummten Mädchen, war durch die Knebel in ihren Mündern glücklicherweise kaum wahrzunehmen.

„Wisst ihr, warum ihr hier seid?”, fragte ich mit ruhiger Stimme und alle drei schüttelten die Köpfe. Ich feixte den vermummten Damen entgegen.

„Wisst ihr, wer ich bin?”, war die nächste Frage. Nur eine von ihnen nickte verhalten. Ich näherte mich ihr und streichelte über das verdeckte Gesicht. Der Sack war getränkt in ihren Tränen. „Gut. Das ist gut…”

Ängstlich zuckte sie zurück und jammerte ein wenig. Ich knurrte verrucht und küsste ihre schmale Schulter, ließ meine Nase ihren bebenden Hals hinauf wandern.

„Du bist wertlos…”, raunte ich ihr ins Ohr. „Dein Körper ist ein Stück Fleisch von minderwertiger Qualität. Deshalb bist du hier…”

Einmal mehr konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie zitterte wie Espenlaub – und auch die Anderen begannen, zu wimmern. Der Raum füllte sich mit dem süßlichen Duft von Angstschweiß. Das machte mich an.
„Sch, sch, sch“, zischelte ich den jungen Dingern beruhigend zu und streichelte der Nächsten zärtlich über den Bauch, hoch zu den Brüsten.

Ohne ein Klopfen wurde die Tür zu meinem ‘Büro’ nahezu aufgestoßen. Angepisst blitzte ich zu dem ungebetenen Gast, der mich bei der Verkostung meines Lohnes unterbrach. Es war einer von Boureys Handlangern, dessen Namen ich mir partout nicht merken konnte.
„Du störst“, zischte ich ihm zu und bemerkte erst jetzt, dass er nicht allein war.

„Rein da“, knurrte der Handlanger mit der Statur eines zu groß geratenen, haarlosen Trolls und einem ebenso deformierten Gesicht. Er schob einen schmächtigen jungen Mann vor sich her – augenscheinlich ein Einheimischer. Der Bursche zankte, fluchte und wandte sich, wie ein Fisch im Netz.

„Saum aoy khnhom tow!“, keifte er auf Khmer und versuchte immer wieder, sich loszureißen. Es war ein Wunder, dass die Trollfresse den jungen Kambodschaner noch nicht bewusstlos geschlagen hatte.

In mir erwachte bei diesem Anblick eine Woge der Aufregung. Meine Augen fixierten sich schlagartig auf den Jüngling, der mit einem Mal ganz still wurde. Er hatte begonnen, sich umzusehen. Seine braunen Augen huschten hektisch zwischen mir und den nackten, vermummten Frauen Hin und Her. Mit einem missbilligenden Blick schenkte er mir seine ganze Aufmerksamkeit: „Avei del chea kar…“

Ich verstand ihn nur gebrochen.

„Was soll ich mit dem“, fragte ich grob, den Blick gen Troll.
„Bourey sagte, der Knabe will zu dir“, antwortete der Handlanger mit schrecklichem Akzent. „Ich sollte ihn herbringen.“
„Zu mir?“, fragte ich amüsiert und richtete mein Augenmerk wieder auf den Jungen. Dieser schien sich gesammelt zu haben – seine Augen sprühten vor Hass: „Bist du Buck?“

 

Die Autorin

Michelle  ‘Kiba Duncan’ – geboren, 1994 in Oberhausen – ist das Pseudonym einer  Jungautorin. Gemeinsam mit ihrem Partner und ihrem Kater, lebt sie in der ländlichen Kleinstadt Willich am Niederrhein, in der sie aufgewachsen ist.

Derzeit  befindet sie  sich mitten in der Arbeit für ihr Erstlingswerk.

Michelle K. Duncan

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