Leseprobe: Should I Stay Or Should I Go

Wir saßen einfach nur da, auf den ungemütlichen, grün-grauen Sitzen des Wartebereiches im Flughafen. Tageslicht durchflutete die belebte, strahlend weiße Halle, in die ich starrte, als fände ich eine Antwort in den fremden Gesichtern, die mich umgaben. Lautes Treiben, Murmeln, Gesprächsfetzen, Gelächter – dumpf drangen diese Geräusche in meine Ohren. Um uns herum herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung. Sie dominierte das Gefühlsbad aus Trauer, aufgrund von Abschied und Vorfreude auf ein Abenteuer. Ich kannte jede einzelne Empfindung, die ich glaubte, in der Mimik meiner Mitmenschen lesen zu können.

Mein Blick folgte zwei Kindern, die sich lachend um die Sitze der wartenden Passagiere jagten. Wenn man monatelang durch die tiefsten Einöden Chinas gewandert war, um die verschiedenen Baustile der Chinesischen Mauer zu erkunden, war Kinderlachen eines der Dinge, denen man eher selten lauschen durfte. Ganz abgesehen davon, dass wir die letzten Wochen in Russlands nicht gerade kinderfreundlichen Umgebungen verbracht hatten … und das alles andere als nüchtern. Aber wir beide – wir schwiegen uns an. Warum, wusste ich selbst nicht so genau. War es die Ratlosigkeit, wie es nun weiterging? Oder die Tatsache, das uns beiden mulmig zumute war, hier zu sitzen – so nah an Zuhause. Bei John konnte ich es nur erraten – aber wissen? Nein. Genau so wenig, wie ich den Grund für unser Warten wusste. Niemand würde uns abholen kommen. Keiner. Niemand  wusste, dass wir hier waren. Niemand erwartete uns. Wir waren vogelfrei. Uns lag die Welt zu Füßen und wir hatten noch lange nicht alles von ihr gesehen. Also worauf warten?

 

Seufzend lehnte ich mich zurück und beobachtete weiter, wie der große Bruder sein Schwesterchen jagte, ihr auf den Rücken klatschte, um dann selbst die Rolle des Gejagten einzunehmen. Ich kam nicht umhin, eine Brücke zu mir und Helen zu schlagen. Witzig – da war ich über acht Jahre von ihr getrennt, auf Weltreise unterwegs, aber fühlte mich ihr durch unsere Telefonate verbundener, als zuvor. Allerdings war ich ihr jetzt wieder so nah, dass ich mich davor fürchtete, ihr unter die Augen zu treten. Michigan war schließlich nur einen Katzensprung von Toronto entfernt. Es müsste ja nicht mal für lange sein. Ein paar Tage. Wenige Stunden. Ein »Hallo, ich bin zurück.« Sicherlich wäre sie überrascht, wenn der Weltenbummler, wie sie ihren großen Bruder schimpft, vor ihrer Haustür stände. Mein Herz würden sicher ähnlich rasen, sähe ich doch das erste Mal meinen Neffen sehen. Ob er wohl nach ihr kommt, mit denselben großen grünen Augen, der Stupsnase und dem blonden Haar? Oder mehr nach ihrem Mann, dessen Namen ich mir einfach nicht merken konnte.

Gott, wie gern würde ich sie sehen und in den Arm nehmen. Sie wie früher durch unser Elternhaus jagen, bis sie lachend auf dem Küchenboden liegt und droht sich einzupinkeln, weil ich sie an den Seiten kitzele. Das hat Helen immer so sehr gehasst, wie es sie zum Lachen brachte.

Heimweh.

Das erste Mal seit Jahren verspürte ich ehrliches, aufrichtiges Heimweh. Ganz deutlich. Obwohl ich mit John schon in elf Ländern ‘Zuhause’ gewesen war, war da stets ein gewisses Fernweh in mir. Noch mehr sehen. Andauernd etwas erleben, damit ich es meiner kleinen Schwester erzählen konnte, wenn wir über die verschiedenen Zeitzonen hinweg telefonierten. Erst jetzt begriff ich, dass es kein Fernweh war, dass mich dazu trieb, immer weiter zu reisen, sondern eine gewisse Portion Heimweh, um einen weiteren Grund zu haben, Helen anzurufen. Vielleicht sollte ich wirklich zu ihr? Und dann? Was kommt dann? Was soll ich sagen? Wie wird sie reagieren? Wieso nervte es mich so, nicht zu wissen, was dann passierte? Sonst scheute ich doch auch keine Ungewissheit, über das, was mich erwartete …

»Also?« Johns Stimme riss mich aus meinen Gedanken und gewann so meine Aufmerksamkeit für sich. Bis grade eben hatte er noch breitbeinig auf dem Kunstlederpolster gesessen, nach vorne gebeugt, die Unterarme auf den Oberschenkeln, um den gefliesten Boden zu begutachten. Jetzt richtete er sich auf und fuhr sich durch das schulterlange, rotbraune Haar, um seine Locken in einem Zopf zu bändigen. »Wie machen wir weiter?«

 

Die Autorin

Michelle  ‘Kiba Duncan’ – geboren, 1994 in Oberhausen – ist das Pseudonym einer  Jungautorin. Gemeinsam mit ihrem Partner und ihrem Kater, lebt sie in der ländlichen Kleinstadt Willich am Niederrhein, in der sie aufgewachsen ist.

Derzeit  befindet sie  sich mitten in der Arbeit für ihr Erstlingswerk.

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